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Ist das wirklich schon Partizipation? 3. August 2018/von Büro Hitschfeld Zur „Öffentliche Konsultation zur Sommerzeitregelung“ der EU-Kommission | Büro Hitschfeld

Ist das wirklich schon Partizipation?

Zur „Öffentliche Konsultation zur Sommerzeitregelung“ der EU-Kommission

von Uwe Hitschfeld

Über das Für und Wider der EU-einheitlichen Sommerzeitregelung mit ihrer halbjährlichen Zeitumstellung wird seit langem debattiert. Nun wird die bestehende EU-Richtlinie im Auftrag des Europaparlaments einer gründlichen Prüfung und Bewertung unterzogen. Dazu startete die Europäische Kommission eine Online-Befragung, um – wie es heißt – „die Meinungen der europäischen Bürgerinnen und Bürger, Interessenträger und Mitgliedstaaten zu möglichen Änderungen der derzeitigen Sommerzeitregelung zusammentragen“. Man kann sich bis zum 16. August daran beteiligen. Bisher ist die Beteiligung erwartungsgemäß hoch; nach der Freischaltung der entsprechenden Webseite traten bereits nach kurzer Zeit Serverprobleme auf.

Schwerer als die Frage, ob die Sommerzeit tatsächlich zu den drängendsten Problemen gehört, um die sich die EU jetzt kümmern muss, wiegt ein anderes, methodisches Problem. Auf der vermeintlich hochsoliden Teilnehmerbasis wird nämlich mitnichten ein belastbares Meinungsbild der EU-Bevölkerung erhoben. Zu Wort melden sich bei solchen Formaten vorzugsweise aktive, interessierte Bürgerinnen und Bürger und Aktivisten mit einer evidenten (politischen oder persönlichen) Agenda.

Die daraus resultierende Verzerrung des Befragungsergebnisses geht in erster Linie zu Lasten der Repräsentativität und wird auch nicht durch statistische Fehlertoleranz aufgefangen.

Die Schlüsse, die aus einer solchen Befragung gezogen werden, sind deshalb mit großer Vorsicht zu genießen und taugen – wenn überhaupt – in höchst eingeschränktem Maße als Grundlage für politisches Handeln. Werden sie aber nicht zu Grundlage politischen Handelns, ergibt sich die Frage nach dem Sinn der Aktion und dem politischen Flurschaden, der bei den Teilnehmern der „Konsultation“ durch Nichtbeachtung ihrer Wortmeldung, ihrer Beteiligung entsteht.

Die Falle, in die sich die Kommission hier begeben hat, ist auch auf anderen, politischen Ebenen, von der Kommunal- bis zur Bundespolitik aufgestellt. Sie besteht darin, dass zur Erhebung eines relevanten Meinungsbildes eben nicht nur die aktiven, an der Sache interessierten oder betroffenen Bürgerinnen und Bürger (d.h. die, die sich beteiligen) gehören, sondern auch die Teile der Bevölkerung, die sich nicht beteiligen, sich nicht äußern oder sich nicht auf andere Art an der öffentlichen Meinungsbildung beteiligen. Die Einbeziehung dieser „schweigenden Bevölkerungsgruppe, oft tatsächlich der „schweigenden Mehrheit“ kann – zum Beispiel – durch repräsentative Meinungsforschung und durch eine Steuerung der Partizipation geschehen.

Die Initiatoren der öffentlichen Konsultation in Brüssel und Straßburg wären – wie auch die verschiedenen Akteure in den deutschen Kommunen, Ländern oder im Bund – gut beraten, Meinungsbildungs- und Entscheidungsfindungsprozesse nicht durch falsch angelegte, vermeindliche Partizipation zu erschweren. Derlei „Placebo-Beteiligungsformate“ leisten nicht zuletzt  der ohnehin grassierenden Politikverdrossenheit Vorschub.

Auch in diesem Fall gilt: Gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht.

Ab wann ist „repräsentativ“ „repräsentativ“?

von Christoph Eichenseer

Ab wann ist „repräsentativ“ „repräsentativ“? Immer wieder wird uns diese Frage gestellt. Und wie so oft im Leben – die Antwort können wir nicht in einer Zahl oder einem Satz geben. Deshalb zusammengefasst einige Aspekte:

So viele sollten es mindestens sein!

Eine erste Frage, die zu klären ist: Wollen wir „repräsentative“ Gesamt­ergebnisse oder ist es für die Fragestellung wichtig, auch auf Teilgruppen (Geschlecht, Alter…) zu analysieren?
Die deutsche Bevölkerung lässt sich nicht oder nur sehr schwer mit der Auswahl von beispielsweise 100 Personen passend über die Merk­male Bildung, Berufstätigkeit und deren Kombinationen abbil­den. Um dies zu erreichen und hier zuverlässige Aussagen machen zu können, sollten mindestens 500, besser 1.000 Personen befragt wer­den. Bei einer B2B-Studie über verschiedene Branchen, Größenklas­sen und Regionen ist eine Stichprobe ab 100, besser 200 Befragten empfehlenswert.

Unvermeidlich: Etwas Statistik/Mathematik

Was wir laienhaft „repräsentativ“ nennen, ist eine Kombination aus der „Sicherheit“, mit der wir eine Aussage treffen können, und einem Bereich („von – bis“), in dem wir etwas mit der geforderten Sicherheit sagen können. Ein Beispiel: Bei 500 befragten Personen bedeutet ein Ergebnis von „30 %“, dass es in der Realität mit 95 %iger Sicherheit zwischen 26–34,2 % liegt. Bei 2.000 Befragten liegt der Wert zwischen 28–32,1%. „95 Prozent Sicherheit“ ist ein gängiger Wert in der Sozialforschung. Es gibt aber auch Bereiche, z. B. die Medizinforschung, bei der deutliche höhere Werte („99,9 %“), also eine deutlich größere Sicherheit gefordert wird. Mit einem höheren Sicherheitsanspruch wird dann der Wertebereich, innerhalb dem Aussagen gelten, deutlich größer, oder die Fallzahl muss deutlich erhöht werden.

Alles nur Statistik?

Die statistische Betrachtung ist nur ein Aspekt bei der Auswertung einer repräsentativen Befragung. So nutzt es nichts, wenn statistisch alles passt, aber die Stichproben-Anlage bzw. -Ziehung mangelhaft war. Ganz zu schweigen von Fragestellungen, die am Thema vorbei gehen oder/und suggestiv sind („sind Sie auch der Meinung, dass…“).

Das führt zu einem zweiten, mindestens genau so wichtigen Bereich: Neben Methodenfestigkeit ist die Fähigkeit zur Dateninterpretation gefragt. Laien verbeißen sich gerne in der Interpretation einzelner Zahlen (und verlieren dabei auch noch die statistischen Fakten aus dem Kopf). Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen, lautet das Sprichwort dazu. Dann ist die Gefahr sehr groß, dass trotz vieler kleiner Mosaiksteinchen, in Form von tausenden einzelnen Zahlen, kein Gesamt-Bild entsteht. Es kommt aber darauf an, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, die großen Linien zu erkennen und zentrale Befunde aus dem Datenmaterial zu destillieren. Erst dann ist der Schritt von der Analyse zur Planung, von der Fragestellung zum „was sagt uns das“ (in Bezug auf die Fragestellung) möglich.

Wer also repräsentative Marktforschung sinnvoll nutzen will, braucht beides: Methodenfestigkeit, die sich in Fachkenntnis und Liebe zum – mathematischen – Detail zeigt, und den Blick für das Große und Ganze, für Aufgabenstellung, strategische Optionen und mögliche Handlungs- und Kommunikationsfelder.

Stichprobengröße bei Marktforschungsprojekten

In unseren Projekten spielt Marktforschung – und darunter die repräsentative Markt- und Meinungsforschung – oft eine wichtige Rolle. Für das Verständnis des methodischen Ansatzes, aber auch für die Bewertung der Ergebnisse ist die Größe der Stichprobe und damit ihre Auswirkung auf die Aussagekraft der Untersuchung wichtig. Christoph Eichenseer – in unserem Team federführend verantwortlich für alle Marktforschungsprojekte – hat die wichtigsten Stichworte zu diesem Thema für Nichtfachleute zusammengefasst.

Wenn sich daraus Rückfragen oder Lust auf ein „mehr“ an Methodendiskussion ergeben –  gern!

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