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Erfolgreiche Partizipation muss man steuern – aber wie | Büro Hitschfeld

Erfolgreiche Partizipation muss man steuern – aber wie?

Autor: Uwe Hitschfeld

„Mehr Partizipation“ ist eine Anforderung, mit der alle Akteure aus Politik, Verwaltung, Unternehmen, NGOs, aber auch die Bürgerinnen und Bürger selbst umgehen müssen.

Wenn man die Ebene der in Worthülsen verpackten politischen Willensbekundung verlässt, stellt man zunächst fest, dass es in unserem System bereits eine erstaunliche Menge von Partizipationsmöglichkeiten gibt: die Möglichkeiten der repräsentativen Demokratie (z. B. Wahlen), die Instrumente der direkten Demokratie (z. B. Bürgerbegehren, Bürgerentscheide) und die in Gesetzen und Verordnungen (z. B. VvVfG, ROG, EnWG, LuftVG EnWG, BimschG oder – nicht zuletzt – BauGB) verpflichtend festgelegte Bürgerbeteiligung.

Dies wird nun ergänzt durch eine immer größere Anzahl von s. g. „freiwilligen Maßnahmen“, mit denen Behörden, Politik oder Unternehmen auf die gesellschaftliche Erwartung eingehen und dabei eine Akzeptanzförderung für das jeweilige Projekt und/oder eine Verbesserung der eigenen Reputation erhoffen.

Das Wissen um die Chancen und Grenzen der vorhandenen Möglichkeiten ist bei den Bürgerinnen und Bürgern nach wie vor noch gering ausgeprägt. Deshalb verdient die Frage, ob man nicht mehr Energie in die Verbesserung dieses „Methodenwissens“, statt in die Entwicklung von immer neuen Partizipationsinstrumenten und -formaten investieren sollte, sicher verstärkte Aufmerksamkeit. Aber auch die Einstellung – also das: „WARUM soll ich mich beteiligen“ – verdient Beachtung.

Dennoch geht an einer verstärkten Einbeziehung der Bürgerinnen und Bürger in Meinungsbildungs- und Entscheidungsfindungsprozesse nach unserer Erfahrung kein Weg vorbei.

Für die „Träger“ der dafür erforderlichen Formate, also Behörden, Unternehmen und Politik, kommt es nun drauf an, Partizipationsinstrumente zu finden, die angemessen, zielgruppen- und projektspezifisch und – nicht zuletzt – ressourcenschonend eingesetzt werden können.

Bei solchen Partizipationsverfahren geht es ja nicht nur um die Erfüllung von (lästigen?) Verpflichtungen gegenüber der Öffentlichkeit oder um den Erkenntnisgewinn, sondern immer um nicht weniger als die Verbesserung von Prozess- und Ergebnislegitimation. Deshalb lohnt es, hier etwas in konzeptionelle Überlegungen zu investieren.

Wir empfehlen dabei zum Beispiel folgende Fragen zu bedenken:

  • Was ist das eigentliche Ziel der Partizipation? Geht es darum, einer Personengruppe die Möglichkeit einzuräumen, sich zu beteiligen? Oder geht es darum, dass sich die Personengruppe tatsächlich beteiligt?
  • Geht es um das „Ob“ oder um das „Wie“ eines Vorhabens?
  • Geht es im Kern tatsächlich um „Mitwirkung“ oder eher um „Information“?
  • Wie ist die relevante Personengruppe abzugrenzen? Soziodemografisch, territorial oder inhaltlich? (Geht es z. B. um die ganze Stadtbevölkerung oder um ein Stadtviertel? Geht das Thema ältere oder junge Leute an?)
  • Wie sind die Kommunikationsgewohnheiten dieser relevanten Gruppe(n) (z. B. Internetaffinität)?
  • Wie kann diese Gruppe kommunikativ erreicht werden (eher online oder durch Postwurfsendung)?
  • Welche Ressourcen (Zeit, Geld, Know-how, Technik, Manpower) stehen für den Prozess bei den relevanten Akteuren zur Verfügung?

Auf dieser Grundlage lässt sich ein spezifisches Partizipationsformat entwickeln, das die relevanten Akteure nicht überfordert und auf die projektspezifischen Belange und Ziele abgestimmt ist.

Wir unterstützen unsere Kunden dabei, dieses Format zu entwickeln und umzusetzen.

Mitreden, mitgestalten, mitentscheiden – Impulse zur Erneuerung demokratischer Beteiligung | Büro Hitschfeld

Mitreden, mitgestalten, mitentscheiden – Impulse zur Erneuerung demokratischer Beteiligung

Ein Kommentar zur Veranstaltung der Bertelsmann-Stiftung am 11.01.2018 von Dr. Monika Friedrich

Das Büro Hitschfeld beschäftigt sich schon seit geraumer Zeit mit diesem Themenkomplex – sowohl in der Forschung als auch in der praktischen Anwendung in unseren Projekten. Deshalb verfolgen wir  aufmerksam die fachliche Diskussionen zu konzeptionellen und wissenschaftlichen Grundlagen  und Erfahrungen mit deren Umsetzung.

Die Veranstaltung der Bertelsmann-Stiftung am 11. Januar in Berlin mit dem Titel „Mitreden, mitgestalten, mitentscheiden – Impulse zur Erneuerung demokratischer Beteiligung“ lieferte dazu einen Beitrag.

Unser Resümee:

Neue Ideen und Modelle wie „Demokratie heute funktionieren kann“, kommen mehr und mehr aus der Konzeptphase heraus und haben in einigen Fällen bereits praktische Anwendungen erfahren. Auf der Tagung wurden  solche Erfahrungen vorgestellt und ausgewertet.

Immer deutlicher wird dabei, dass es nicht DAS Instrument demokratischer Beteiligung gibt: jedes Projekt ist anders und benötigt ein spezielles, auf seine Besonderheiten zugeschnittenes Instrument.

,Zufallsbürger‘ als Beteiligungsinstrument

Das Instrument ‚Zufallsbürger‘ findet mittlerweile vor allem auf kommunaler Ebene breite Anwendung. Hinter diesem aktuellen Schlagwort steht der Versuch, mit vertretbarem Aufwand eine möglichst  „repräsentative“ Auswahl einer Bevölkerungsgruppe abzubilden. Dies birgt jedoch unter methodischen Gesichtspunkten einige Probleme, die ggf. auf die Legitimität des Prozesses und seiner Ergebnisse Auswirkungen haben können.

Deshalb bietet das  Büro Hitschfeld  dazu verschiedene methodische Ansätze an und wird sich mit dieser Thematik auch weiter konzeptionell  auseinandersetzen.

Die schweigende Mehrheit zum Sprechen bringen – aber wie | Büro Hitschfeld

Die schweigende Mehrheit zum Sprechen bringen – aber wie?

Diskussion verschiedener methodischer Ansätze

Christoph Eichenseer und Uwe Hitschfeld

Was empfinden Bürgerinnen und Bürger als „erfolgreiche“ Bürgerbeteiligung? Eine Frage, die Vorhabenträger, Behörden und Politik umtreiben muss, wenn es um die Legitimität von Projekten geht, die durch die Beteiligung der Bevölkerung an Meinungsbildungs- und Entscheidungsfindungsprozessen gestärkt werden soll.

Es geht also nicht in erster Linie um die, in den einschlägigen Regelwerken beschriebene und verpflichtend festgelegte „formale Bürgerbeteiligung“, sondern um all die sogenannten „freiwilligen“, „vorgezogenen“ und ergänzenden Formate, mit denen Bürgerinnen und Bürger oft vor den formalen Beteiligungsformaten angesprochen werden sollen.

Im Rahmen eines unserer letzten Forschungsprojekte (Quelle: „Bürgerschaftliches Engagement. Wann gilt Bürgerbeteiligung als erfolgreich?“ 9/2016) haben wir in einer deutschlandweit repräsentativen Untersuchung nachgewiesen, dass über die Hälfte (60 %) der Befragten Bürgerbeteiligung dann für erfolgreich halten, wenn möglichst viele BürgerInnen von den Beteiligungs- und Informationsmöglichkeiten tatsächlich Gebrauch gemacht haben.

40 % der Befragten finden, dass das Kriterium für den „Erfolg der Bürgerbeteiligung“ die vorhandene Möglichkeit ist, sich zu informieren und zu beteiligen.

Stimmen zur Frage der Bürgerbeteiligung

Da es keine Verpflichtung zur Beteiligung an angebotenen Partizipationsformaten gibt und unser System ohnehin auf die Artikulation von Einwänden, nicht von Zustimmung zu einem Vorhaben ausgerichtet ist, stehen die Akteure, die Partizipation organisieren und durchführen, vor einem Problem.

Als Lösung dafür gibt es verschiedene konzeptionelle Ansätze. Allen gemeinsam ist der Versuch, die „schweigende Mehrheit“,  also auch diejenigen, die sich gewöhnlich nicht beteiligen, „zum Sprechen zu bringen“.

„Zufallsbürger“ oder „begleitende Meinungsforschung“?

Aufmerksamkeit hat der Einsatz der sogenannten „Zufallsbürger“ gefunden. Dieser Ansatz wurde und wird bei verschiedenen Projekten in Baden–Württemberg und auch im Rahmen der Endlagersuche für radioaktiven Abfall („Endlagersuche“) angewendet.

Das Büro Hitschfeld empfiehlt hingegen, Partizipationsformate durch repräsentative Meinungsforschung zu flankieren.

Was spricht für, was gegen diese Ansätze?

Zufallsbürger

werden nach einem aufwändigen statistischen Verfahren ermittelt und angesprochen. Sie werden eingeladen, sich über das Projekt informieren zu lassen und dann beschriebene Aufgaben unter Anleitung zu bearbeiten bzw. ihre Meinung zu definierten Sachverhalten zu äußern.

Vorteile dieses Verfahrens:

+ Qualitative Fragestellungen können bearbeitet werden.

+ (begrenzte) Möglichkeit, die „schweigende Mehrheit“ zu Wort kommen zu lassen

+ begrenzter Aufwand

Nachteile dieses Verfahrens:

+ Trotz repräsentativer Auswahl: Die Teilnehmer können/müssen sich „im öffentlichen Raum“ artikulieren. Dadurch nehmen auch hier tendenziell wieder diejenigen teil, die die Öffentlichkeit nicht scheuen – und weniger die avisierte „schweigende Mehrheit“.

+ Auch auf Grund der (üblichen) Teilnehmerzahl (meist im niedrigen zweistelligen Bereich) werden keine repräsentativen Daten erhoben.

Repräsentative Meinungsforschung

Hier werden „Umfragen“ (meist telefonisch oder online) in einem definierten Projektraum durchgeführt.

Es steht das ganze Instrumentarium der empirischen Sozialforschung zur Verfügung, mit dem Daten zu Bekanntheit, Einstellungen und Images erhoben werden können.

Vorteile dieses Verfahrens:

+ Der Output sind repräsentative (hochrechenbare) Daten.

+ Die „schweigende Mehrheit“ kommt – wesentlich leichter – zu Wort, da sie jederzeit anonym bleibt.

+ Das Instrument ist leicht in die eigentliche „Projekt-Facharbeit“ zu integrieren und kann beliebig oft fortgeschrieben bzw. wiederholt werden.

+ Die Öffentlichkeit ist mit dem Instrument der repräsentativen Meinungsforschung vertraut, kann es einordnen und werten.

Nachteile dieses Verfahrens:

+ tendenziell höhere Kosten als beim „Zufallsbürger“

+ Qualitative Ansätze sind nur begrenzt umsetzbar.

Fazit

Sowohl das Instrument „Zufallsbürger“ als auch die „flankierende Meinungsforschung“ sind geeignet, die Legitimität von Partizipationsformaten bei akzeptanzkritischen Projekten zu verbessern.

Auch in diesem Fall sollte die inhaltliche, regionale, temporäre und formale Spezifik des jeweiligen Projektes ausschlaggebend für das einzusetzende Instrument sein.

Nach unserer Einschätzung sprechen die Flexibilität des Einsatzes und die bessere Verwertungsmöglichkeit der (Teil-)Ergebnisse in der Projektkommunikation meist für den Einsatz der flankierenden Meinungsforschung.

Wir bieten unseren Kunden an, durch gründliche Betrachtung der Projektsituation das jeweils sinnvollste Instrument zu finden und einzusetzen.

Per Tischgespräch zur Bürgerbeteiligung | Büro Hitschfeld

Per Tischgespräch zur Bürgerbeteiligung?

„Schafft sich die Demokratie selbst ab?“ – unter dieser Überschrift lud das Theater der Jungen Welt Leipzig am Samstag zu offenen Tischgesprächen ein. Zahlreiche Gäste des am Vortag vergebenen Deutschen Theaterpreises „DER FAUST“ und viele Leipziger Bürger folgten der Einladung – eine seltene und interessante Publikumsmischung, die zum Erfolg der Veranstaltung beitrug.

Nur kurz führten die Veranstalter, der Deutsche Bühnenverein in Kooperation mit dem Theater der Jungen Welt Leipzig, in die Fragestellung und das Veranstaltungsformat ein: Ist die Demokratie wirklich im Niedergang oder wird sie auch in Zukunft das tragfähige Modell für unser Zusammenleben sein? Welche Rolle können Künste, Künstler und ihre Institutionen bei der Stärkung der Demokratie spielen?

Diese beiden Kernfragen standen daher auch im Mittelpunkt der vier Impulsreferate an acht Tischen, gehalten von vier Grenzgängern zwischen Kultur und Politik: Dr. Andreas Eberhardt, Dr. Michael Lüders, Dr. Oliver Tolmein und Dr. Skadi Jennicke.

Eine informelle Diskussionsatmosphäre erhofften sich die Veranstalter durch die kleinen Tischrunden mit von 15 bis 25 Teilnehmern. Und tatsächlich hat das funktioniert. Ob Intendant*innen, Abiturient*innen, Lehrer*innen oder Musiker*innen, Journalist*innen oder Kommunikationsberater*innen, im Rahmen der Tischgesellschaft entwickelte sich ein intensives Gespräch, zunächst mit dem jeweiligen Referenten, später auch untereinander.

Per Tischgespräch zu mehr Bürgerbeteiligung - kann das gelingen?

Dennoch ist das Konzept ausbaufähig: Das Impulsreferat sollte kein geschlossenes Weltbild aufzeigen, das die Teilnehmer*innen mit Antworten erschlägt. Impulse für die Diskussion werden durch Fragen oder zur Debatte gestellte Visionen wesentlich stärker ausfallen und das Gespräch intensivieren. Zudem braucht eine gute Debatte Zeit. Eine Stunde pro Tischgespräch ist hier zu kurz gegriffen, 1,5 bis 2 Stunden wären fruchtbarer.

Das Theater der Jungen Welt Leipzig und der Deutsche Bühnenverein haben mit den Offenen Tischgesprächen ein gutes Format für die Bürgerbeteiligung aufgemacht.

Fortsetzung folgt, so hoffen wir!

Hitschfeld-Studie: Akzeptanz für Großveranstaltungen und Großereignisse

Kann Deutschland noch Großereignisse?

Ist es in Deutschland noch möglich, erfolgreich eine Bewerbung für ein Großereignis zu initiieren und bis zur Realisierung zu treiben? In Bürgerentscheiden sprechen sich große Bevölkerungsteile gegen die Bewerbung für die Ausrichtung Olympischer Spiele aus, Gemeinderäte lehnen die Initiative zur Bewerbung als Kulturhauptstadt Europas ab, Städte geben den Zuschlag für Gartenschauen zurück…

Hitschfeld-Studie zum Thema Akzeptanz

Die aktuelle Hitschfeld-Studie beschäftigt sich mit der Frage, ob in der Bevölkerung generell Skepsis und Ablehnung gegenüber solchen Projekten und Veranstaltungen herrschen, welche Aspekte für und gegen die Ausrichtung von Großereignissen sprechen und wie homogen dieses Bild in den soziodemografischen Gruppen ist. Für Veranstaltungen wie Olympische Spiele, Fußball-WM/EM, Gartenschauen, Kulturhauptstadt oder die Ausrichtung eines Kirchentages ergibt sich ein überraschend differenziertes Bild.

Keine pauschale Ablehnung

Die Bevölkerung lehnt Großereignisse nicht rundheraus ab. Die Bürgerinnen und Bürger unterscheiden zwischen den verschiedenen Ereignissen, wobei die Gartenschauen die höchste Zustimmungsrate (73 %) verzeichnen. Auffallend ist jedoch die starke Diskrepanz zwischen unbedingter Zustimmung („stimme zu“) und der „Zustimmung unter Vorbehalt“ („stimme eher zu“). Dies deutet auf einen Vermittlungs- und Erläuterungsbedarf hin.

Wichtig: soziodemografische Analyse

Es gibt – auch im Vergleich der einzelnen Veranstaltungen untereinander – in den soziodemografischen Gruppen sehr verschiedene Zustimmungswerte zu den Argumenten pro und contra und ebenso zur Grundaussage. Darauf sollten sich Planer und Organisatoren einstellen und in der Projektkommunikation Rücksicht nehmen.

Fazit:

Großereignisse können in Deutschland durchaus durchgeführt werden, sie sind aber keine Selbstläufer. Ihre Vorbereitung bedarf einer strategisch angelegten und differenzierten Projektkommunikation. Nur so kann die notwendige Akzeptanz vor Ort geschaffen werden, die in der heutigen Zeit ein wesentlicher Erfolgsfaktor für das Gelingen derartiger Ereignisse ist.

Zur Studie

Wann ist Bürgerbeteiligung eigentlich erfolgreich?

Wann ist Bürgerbeteiligung erfolgreich?

Die immer stärkere Einbeziehung der Bürgerinnen und Bürger in Meinungsbildungs- und Entscheidungsfindungsprozesse ist eine gesellschaftliche Anforderung mit der Unternehmen, Politik und öffentliche Verwaltungen umgehen müssen. Sie geht über die klassische, formale „Bürgerbeteiligung“ weit hinaus und gilt inzwischen als wesentlicher Faktor bei der Akzeptanzgewinnung und Sicherung.

Vorhabenträger, Verwaltungen und Politik suchen deshalb Partizipationsformate, welche die jeweiligen Projektspezifika berücksichtigen und mit einem angemessenen Ressourceneinsatz verbunden sind und wenden diese an.

Aber wann wird diese „Bürgerbeteiligung“ tatsächlich von den Bürgerinnen und Bürgern als „erfolgreich“ wahrgenommen und erreicht damit ihr wichtigstes Ziel?

Wir haben diese Frage immer wieder in den Fokus unserer Forschungsprojekte gestellt, weil sie nach unserer Überzeugung einen Schlüssel für den erfolgreichen Einsatz von modernen Partizipationsformen darstellt.

Im September 2016 haben wir in einer repräsentativen Studie nachgewiesen, dass „erfolgreiche Bürgerbeteiligung“ für 40 % der Befragten bedeutet, dass „man die Möglichkeit hat, sich zu informieren oder zu beteiligen, es aber nicht muss“.

Für 60 % der Befragten bedeutet „erfolgreiche Bürgerbeteiligung“, dass „möglichst viele BürgerInnen von den Beteiligungs- und Informationsangeboten Gebrauch machen“.

Dies bedeutet, dass es z. B. der Vorhabenträger den Erfolg der von ihm organisierten Partizipation nicht in der Hand hat, weil er ja auf die Inanspruchnahme der unterbreiteten Angebote nur begrenzt Einfluss nehmen kann.

Umgekehrt: Bürger schaffen durch ihre persönliche Passivität die Begründung, weshalb Partizipation nicht erfolgreich ist – mit allen Konsequenzen für die Wahrnehmung des Projektes und der handelnden Akteure und die Akzeptanz.

Was tun?

Wir empfehlen, neben der Inanspruchnahme der Informations- und Beteiligungsangebote weitere Indikatoren für den Erfolg eines Partizipationsformats im Projekt zu verankern. So kann mit dem Instrument der repräsentativen Meinungsforschung die Haltung der Bürgerinnen und Bürger im Projektraum erhoben, die Bekanntheit der Informations- und Partizipationsangebote unabhängig von ihrer Inanspruchnahme dokumentiert werden.

Damit kann nicht nur die Legitimität verbessert, sondern ggf. auch Projektinformation und Partizipationspolitik nachjustiert werden.

Fachtagung zur Bürgerbeteiligung auf Bundesebene des BMUB.

Rückblick: Fachtagung des BMUB „Bürgerbeteiligung auf Bundesebene“

Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) setzte seine Veranstaltungen zur Bürgerbeteiligung in der vergangenen Woche in Berlin mit der Fachtagung „Bürgerbeteiligung auf Bundesebene – Erfolge und Perspektiven“ fort.

Das BMUB hat bereits mehrfach bei der Erarbeitung zentraler bundespolitischer Programme Bürgerinnen und Bürger an Entscheidungsprozessen beteiligt. Aktuell sind sie auch in die Entscheidungsprozesse für die Standortwahl für ein Endlager für radioaktive Abfälle eingebunden. Grund genug in einer Fachtagung nun zu fragen, wie steht es aktuell um die Bürgerbeteiligung auf Bundesebene und welche Perspektiven hat sie? Das Büro Hitschfeld war vor Ort, hat sich an den Diskussionen beteiligt und viele Anregungen und Gedankenanstöße mit nach Hause genommen.

Die verschiedenen Instrumente der Bürgerbeteiligung

In den Plenarrunden der Fachtagung wurden diverse Formate von Bürgerbeteiligungen auf Bundesebene, die eingesetzten Instrumente und die erzielten Ergebnisse vorgestellt.

Mehrere Referenten betonten die Bedeutung von Zufallsbürgern, die zum Beispiel für die bundesweite Endlagersuche ausgewählt worden sind. Gisela Erler, Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung in Baden-Württemberg sieht sie zum Beispiel als Möglichkeit, bei kontroversen Themen eine frühzeitige Frontenbildung zu verhindern.

In den Foren wurden unter anderem, innovative Formate lokaler Beteiligung vorgestellt und diskutiert, ob der Terminus „Bürgerbeteiligung“ nicht besser durch „Bürgerteilhabe“ ersetzt werden sollte.

Doch in einem waren sich viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer einig: Das wichtigste sei nicht die Akzeptanz der Projekte, sondern die Qualität der Ergebnisse durch Bürgerwissen.

Sicht des Büros Hitschfeld auf Bürgerbeteiligung

Aus unserer Erfahrung liegt hier ein zentrales Problem der zahlreichen Versuche, Bürgerinnen und Bürger in Meinungs- und Entscheidungsfindungsprozesse einzubeziehen oder sie über ein Projekt zu informieren. Um Irritationen, Frustration oder Konflikte zu vermeiden, sollte bei der Konzeption von Partizipationsformaten sehr gründlich über die Grenzen und Möglichkeiten nachgedacht und die Ergebnisse klar gegenüber der Bürgerschaft kommuniziert werden. Ergänzt werden solche (temporären) Partizipationsformate sinnvoller Weise mit (permanenten) Informationsangeboten zum jeweiligen Projekt.

Büro Hitschfeld: Klimaschutz nach G20 in Hamburg

Klimaschutz nach G20 in Hamburg

Initiative des Financial Stability Board (FSB) vorantreiben, Klimakennziffernsystem rasch für Unternehmen einführen

Der Financial Stability Board (FSB) ist ein internationales Gremium, das sich mit der Verbesserung der Finanzmarktstabilität auseinandersetzt. Ihm gehören Notenbanker, Finanzaufsichtsbehörden und Regierungsvertreter aus den G20-Ländern an. Geleitet wird es von Mark Carney, seit 2013 Gouverneur der Bank of England.

Ende Juni stellte er die Vorschläge des Gremiums für einen Klima-Standard vor, nach dem Unternehmen klimarelevante Informationen  – ähnlich wie Finanzkennzahlen – unternehmensspezifisch erheben und veröffentlichen sollen.

Dieser bisher freiwilligen Initiative haben sich bisher ca. 100 namhafte Unternehmen (z.B. Allianz, Unilever, Shell, HSBC, Morgan Stanley u.a.m.) angeschlossen.

Der angekündigte Ausstieg aus dem Pariser Klimaschutzabkommen durch die USA und die Haltung der Türkei nach dem G20-Gipfel haben das Bewusstsein für die Dringlichkeit des Klimaschutzes in weiten Teilen der Gesellschaft geschärft.

Gleichzeitig wird offenbar, wie schwierig es ist, wirksame, verbindliche, d.h. langfristig wirksame Maßnahmen international zu vereinbaren und globalen Klimaschutz über die Optimierung von kurzfristigen, nationalen Erfolgen zu stellen.

Die Suche nach der „goldenen Idee“, auf die man alle Akteure national wie international verpflichten kann, ist offenbar nicht zielführend.

Die Ergebnisse des G20-Gipfels von Hamburg sind diesbezüglich ernüchternd.

Es ist also das Gebot der Stunde, sehr rasch wirksame, systemkonforme Instrumente zu entwickeln, die einander ergänzen und verstärken, aber nicht allein auf politischen oder administrativen Interventionen beruhen.

Der Vorschlag des FSB kann ein solches Instrument sein. Es setzt nicht nur auf die gesellschaftliche Verantwortung, sondern (auch) auf die Wahrung von Interessen und den Nutzen der Marktteilnehmer.

Die systematische Erhebung und Veröffentlichung von Informationen, die in Bezug zu klimabasierten Risiken stehen, wird zur Bewusstseinsbildung über die – oft als abstrakt empfundenen – Folgen des Klimawandels beitragen.

Eigentümer und Anleger erhalten relevante Informationen für ihr Investitionsverhalten. Damit bekommen klimabasierte Risiken eine aktuelle, praktische Relevanz, einen „Preis“ – ein Instrument, das die kapitalistische Wirtschaftsordnung verarbeiten kann.

Die Bundesregierung sollte deshalb rasch geeignete Maßnahmen ergreifen, um die FSB-Initiative zu unterstützen und deren Bekanntheit in der Wirtschaft zu erhöhen sowie darauf hinwirken, dass sich möglichst viele deutsche Unternehmen dieser Initiative anschließen.

Darüber hinaus sollten folgende Maßnahmen durch die Bundesregierung ergriffen und von den Landesregierungen flankiert werden:

  • Adaption und Ausweitung der Initiative auf den öffentlichen Sektor
  • Prüfung der Anwendbarkeit des Standards auf mittelständische Unternehmen
  • Zeitnahe Evaluierung des Standards und verbindliche Einführung

Büro Hitschfeld im Gespräch mit Jörg Weber/Amprion GmbH

Jörg Weber ist Projektsprecher, unter anderem für die Projekte Reutlingen – Herbertingen und Wullenstedten – Niederwangen, bei der Amprion GmbH, einem der vier großen Übertragungsnetzbetreiber Deutschlands und arbeitet seit nunmehr fünf Jahren eng mit dem Büro Hitschfeld zusammen.


Name              Jörg Weber
Alter                
44     
Wohnort        
Werne an der Lippe
Beruf              
 Redakteur beim Radio
Tätigkeit         
Projektsprecher der Amprion GmbH
Hobbys            
grillen, Karneval, reisen und Ski fahren


…Jetzt mal ehrlich, diese Diskussion um Bürgerbeteiligung und Akzeptanz – ist das nicht ein Trend, der bald wieder von der nächsten Sau abgelöst wird, die durch unser virtuelles Dorf getrieben wird?

„Das glaube ich nicht, im Gegenteil. Die Möglichkeiten der heutigen Informationsgesellschaft sind insbesondere durch das Internet so vielfältig geworden, sich über ein Thema zu informieren… Das stellt auch die Kommunikation von Unternehmen vor neue Herausforderungen. Die Bürgerinnen und Bürger erwarten zu Recht, dass sie frühzeitig über ein Projekt in ihrem Lebensumfeld informiert und beteiligt werden. In meinem beruflichen Bereich des Netzausbaus heißt das, wir nehmen die Menschen von Beginn an mit und begleiten das Projekt kommunikativ mit Dialogangeboten bis zum Ende mit der Bauphase und Inbetriebnahme einer Stromleitung. Früher sind die Bürger vielleicht in die Stadtbücherei gegangen und haben in der Naturwissenschaftlichen Abteilung das Buch ‚Der elektrische Strom‘ dazu gefunden, heute geben sie bei Google den Suchbegriff ‚Stromleitung‘ ein und bekommen innerhalb einer halben Sekunde rund 625.000 Suchergebnisse geliefert. Da kommen jede Menge Fragen auf. Eine gute Bürgerbeteiligung schafft nicht unbedingt Akzeptanz, aber sie beantwortet Fragen und erreicht damit Toleranz gegenüber dem Projekt und dem Vorhabenträger.“

…Allzu viel ist ungesund! Überfordern wir die Bevölkerung mit immer mehr und immer neuen Angeboten von Partizipation und Aufrufen zu bürgerschaftlichem Engagement?

„Es ist ja immer nur die Möglichkeit sich zu beteiligen und keine Pflicht. Das hängt im Wesentlichen vom Grad der Betroffenheit ab. Wer sich betroffen fühlt, beteiligt sich in der Regel auch. Wichtig ist, dass man für jeden Typ das richtige Angebot parat hat. Neben der klassischen Kommunikation über Broschüren und Briefwechsel bis hin zum Newsletter, Twitter oder Dialogportal mit Eingabemöglichkeit.“

…Wo ist das Problem? Warum ist es eigentlich so schwierig, mit Bürgerinnen und Bürgern sachlich und konstruktiv in einen Dialog zu kommen?

Wichtig ist, dass man mit den Menschen auf Augenhöhe spricht, ihre Anliegen aufnimmt und sie vor allem ein Feedback zu ihren Anregungen bekommen. Es geht bei Bürgerbeteiligung meistens nicht um „Wünsch Dir was“, sondern um „so ist es“. Deshalb ist ein offener und transparenter Dialog entscheidend für den Erfolg.

…Was das kostet! Können wir uns den ganzen Aufwand überhaupt leisten, den wir mit Information, Bürgerbeteiligung und Akzeptanzmanagement heute treiben?     

„Gute Kommunikation kostet Geld und Zeit, aber wenn Sie erfolgreich ist, spart sie auch Geld und Zeit. Nur werden diese eingesparten Faktoren z.B. für nicht durchgeführte Klagen oder Gerichtsprozesse dann nicht mehr sichtbar. Ansonsten sollten Aufwand und Kommunikationsbedarf immer in Relation zum Projekt stehen. Beim Netzausbau erfordert ein Neubau auf grüner Wiese deutlich mehr Kommunikation als ein Ersatzneubau einer bereits seit 90 Jahren vorhandenen Leitung.“

…Und wann ist man erfolgreich?  Wann ist – aus Ihrer Sicht – Bürgerbeteiligung tatsächlich gelungen?

„100-prozentige Zustimmung von allen und jedem bekommen Sie heute nicht mehr, aber die Kommunikation zu einem Projekt ist aus meiner Sicht erfolgreich, wenn es keine großartigen Verzögerungen gibt und das Projekt am Ende umgesetzt wird.“

Und dann hätten wir noch ein paar persönliche Fragen: Unterscheiden Sie zwischen Erfolg und Zufriedenheit?

„Ja ich unterscheide beides, denn ich bin schon zufrieden, wenn ich abends am Grill stehe oder der HSV ein Fußballspiel gewinnt… aber die Frage, ob beruflicher Erfolg zufriedener macht, hängt nicht immer von einem selbst ab.“

Was wären Sie gern (beruflich), wenn Sie nicht das wären, was Sie heute sind?

„Pilot.“

Welches Hobby hätten Sie gern (das Sie heute nicht ausüben)? 

„Fliegen.“

Herr Weber, wir danken Ihnen für das Gespräch!