Christian Wolff, Pfarrer i.R.

Hitschfeld im Gespräch mit Christian Wolff

Zur Person:

Name: Christian Wolff
Alter: 71
Wohnort: Leipzig
Beruf: Pfarrer
Tätigkeit: Blogger, Beratung für Kirche, Politik und Kultur, Vertretungsdienste als Pfarrer
Hobbys: lange Spaziergänge/Wanderungen, lesen, diskutieren, im Posaunenchor blasen

… Jetzt mal ehrlich, was haben uns alle Mühen, Diskussion und Aktivitäten in puncto Bürgerbeteiligung und Akzeptanz in den vergangenen Monaten und Jahren gebracht? Trotz vieler und breiter Diskussions- Informations- und Beteiligungsformate ist unser Umfeld polarisierter denn je. Wo stehen wir – Ihrer Meinung nach – heute mit diesem Anliegen und wo soll das künftig hingehen?

Insgesamt stehe ich der Feststellung „Polarisierung“ oder „Spaltung der Gesellschaft“ sehr skeptisch gegenüber. Es könnte ja sein, dass gerade die breiten Diskussions-, Informations- und Beteiligungsformate dazu führen, dass die sehr unterschiedlichen Sichtweisen, Interessen, Anliegen von Bürger*innen ans Tageslicht kommen, öffentlich werden und kontrovers diskutiert werden. Das ist grundsätzlich zu begrüßen. Außerdem findet damit in Bevölkerungsgruppen der Lernprozess statt, dem sich jede*r Stadtrat*in oder Parlamentarier*in unterwerfen muss: Es ist das eine, sich für seine ureigensten Anliegen einzusetzen. Das andere ist, Entscheidungen zu treffen, mit denen möglichst alle, die davon betroffen sind, leben können. Der Kompromiss. Er führt aber immer auch zur Unzufriedenheit derer, die meinen, weil sie in Entscheidungsprozesse einbezogen werden, dass dann die Entscheidungen auch so ausfallen, wie sie sich das wünschen.

… Allzu viel ist ungesund! Überfordern wir die Bevölkerung nicht mit immer mehr und immer neuen Angeboten von Partizipation und Aufrufen zu bürgerschaftlichem Engagement?

Nein, darin sehe ich keine Überforderung. Es wird ja niemand gezwungen mitzumachen. Allerdings sollten sich die gewählten Gremien davor hüten, die Verantwortung zu verschieben. Bürger*innenbeteiligung entbindet die Parlamente nicht von der Pflicht, auch unbequeme Entscheidungen zu treffen und diese öffentlich zu vertreten.

… Wo ist das Problem? Warum ist es eigentlich so schwierig, mit Bürgerinnen und Bürgern sachlich und konstruktiv in einen Dialog zu kommen?

Entscheidend ist für Akzeptanz, dass diejenigen, die Entscheidungen treffen, sich als Teil derer verstehen, die von den Entscheidungen betroffen sind. Das heißt: Stadträt*innen, Abgeordnete sollten möglichst viel vor Ort präsent sein – und zwar unabhängig von gerade zu treffenden Entscheidungen. Wer Lebenszusammenhänge vor Ort kennt und selbst darin vorkommt, hat es auf jeden Fall leichter mit der Kommunikation politischer Entscheidungen. Allerdings müssen wir auch beachten, dass viele Menschen sich schwer damit tun, ihre Anliegen, ihr Lebensumfeld auch im Gegenüber zu den Anliegen, Interessen anderer zu gewichten. Dieser Scheuklappenindividualismus steht einer offenen Debatte im Wege.

… Was das kostet! Können wir uns den ganzen Aufwand überhaupt leisten, den wir mit Information, Bürgerbeteiligung und Akzeptanzmanagement heute treiben?

Wenn etwas notwendig und sinnvoll ist, dann ist die Entscheidung über Finanzmittel eigentlich schon getroffen. Mit anderen Worten: Das Kosten-Argument ist für mich keines. Auch Denkmalschutz, Naturschutz, Sicherung von archäologischen Befunden dürfen nicht mit dem Kostenargument ausgebremst werden. Aber sicher kann es auch im Bereich Bürger*innenbeteiligung zu Fehlausgaben kommen.

… Und wann ist man erfolgreich? Wann ist – aus Ihrer Sicht – Bürgerbeteiligung tatsächlich gelungen?

Wenn wesentliche Ziele erreicht werden, und ich die Einsprüche, Veränderungen durch andere – so ärgerlich sie im Moment erscheinen – als Bedingung des Erfolgs anerkenne und das auch zugebe.

Und dann hätten wir noch ein paar persönliche Fragen:
… Unterscheiden Sie zwischen Erfolg und Zufriedenheit?

Ja. Als Christ bin ich ein notorisch unzufriedener Mensch. Denn das Beste steht uns ja noch bevor. Aber Erfolg ist wichtig. Wenn ich eine Kampagne plane oder ein Projekt verfolge, dann ist das Wichtigste: Ich muss die Erfolgserlebnisse für die einplanen, die mitmachen bzw. die ich gewinnen will. Sie sind die Luftzufuhr für den notwendigen langen Atem.

… Was wären Sie gern (beruflich), wenn Sie nicht das wären, was Sie heute sind?

Ich habe mir immer vorstellen können, Politik zum Beruf zu machen, also als Abgeordneter auf Landes- oder Bundesebene zu wirken.

… Welches Hobby hätten sie gern (das Sie heute nicht ausüben)?

Ganz geduldig eine schöne Modelleisenbahn für meinen Enkel aufbauen zusammen mit einer schönen Stadtlandschaft mit Faller-Häuschen. Leider bin ich aber notorisch ungeduldig.