Foto zeigt Bernhard Böhm vor einer geöffneten weißen Tür

Büro Hitschfeld im Gespräch mit Bernhard Böhm

Zur Person:
Name: Bernhard Böhm
Alter: 48
Wohnort: Leipzig
Beruf: Mediator, Rechtsanwalt
Tätigkeit: Mediator
Hobbys: Berge, Fotografie, Autobahnen

… Jetzt mal ehrlich, was haben uns alle Mühen, Diskussion und Aktivitäten in puncto Bürgerbeteiligung und Akzeptanz in den vergangenen Monaten und Jahren gebracht? Trotz vieler und breiter Diskussions- Informations- und Beteiligungsformate ist unser Umfeld polarisierter denn je. Wo stehen wir – Ihrer Meinung nach – heute mit diesem Anliegen und wo soll das künftig hingehen?

Bezüglich Polarisierung bin ich mir unsicher. Einerseits beobachte ich diese gesellschaftliche Entwicklung natürlich. Aber vielleicht wird sie jetzt nur sichtbarer als vor 20 oder 30 Jahren. Denn in den letzten Jahren haben sich die Medien- und Kommunikationsformen dramatisch verändert. Heute haben wir mehr oder weniger Zugriff auf alle Informationen zu jeder Zeit. Damit hat sich die Deutungshoheit dramatisch verbreitert. Wir können uns heute vielmehr Gehör verschaffen, als jemals zuvor. Insofern – so meine These – werden jetzt vielleicht Konflikt nur sichtbarer, die es auch schon früher gab.

Dass Projekte heute gute Informations- und Beteiligungsformate brauchen, scheint mir in weiten Teilen Konsens. Wenn ich auf die letzten 20 Jahre meiner beruflichen Tätigkeit blicke, gab es hier wirklich einen großen Schub. Die Ansätze sind deutlich breiter, die Formen vielfältiger. Meine eigene Ausbildung zum „Umweltmediator“ wäre mit den heutigen Anforderungen beispielsweise viel zu monothematisch.

Worauf die „Beteiligung“ jedoch noch keine schlüssigen Antworten gefunden hat, ist der Umgang mit vermeintlicher „Wahrheit“ und in den Raum gestellten „Behauptungen“, auch Fakenews. Hier braucht es neue Ansätze für die „postfaktische“ Zeit.

Ich hole ein wenig aus: Seit Anbeginn von „Beteiligung“ gehört es quasi zur DNA, dass jede oder jeder Beteiligte seine eigene Wahrheit hat. Ich würde mir hier einen kritischeren Diskurs über diese manchmal floskel- und mantrahafte Aussage wünschen. Denn was heißt das auch für Beteiligungsformate, wenn sich jeder Betroffene seine Wirklichkeit „zusammengooglen“ kann? Wenn die Wirklichkeit immer konstruiert ist, was unterscheidet dann Tatsachenbericht von Fiktion? Ist Wahrheit nur eine Gefühlsfrage? Und ist damit alles erlaubt? Fachliche Expertise und immer wieder neue Gutachten jedenfalls sind hier nicht der Schlüssel, um Vertrauen aufzubauen.

Allzu viel ist ungesund! Überfordern wir die Bevölkerung nicht mit immer mehr und immer neuen Angeboten von Partizipation und Aufrufen zu bürgerschaftlichem Engagement?

Ich sehe das Problem, dass zunehmend Angebote nicht mehr wahrgenommen werden. Vielleicht sind eine Überfrachtung oder auch ein Zeitproblem die Ursachen(n). In „TikTok“-Zeiten muss es schnell gehen. Andererseits muss auch kritisch hinterfragt werden, ob in den letzten Jahren nicht zu oft falsche Erwartungen geweckt wurden, die nicht erfüllt wurden. Ob nicht zu oft Veranstaltungen mehr als „Alibi“ herhalten mussten im Sinne von „wir haben Sie doch beteiligt“ als wirklich glaubhafte Angebote zu unterbreiten.

Nach meiner Erfahrung wurden Fehler in der Kommunikation gemacht und damit letztendlich falsche Erwartungen geweckt, die sich jetzt vielleicht rächen. Letztendlich werden meist informative und konsultative Verfahren eingesetzt. Denn ein Mandat für eine verbindliche Entscheidung informeller Beteiligungsverfahren dürfte in der Regel fehlen. Dieser Umstand sollte offen kommuniziert werden. Ein „Vorgaukeln“ von Mitbestimmung führt eher früher als später zu Frust und Ablehnung bei den Akteuren. Das beobachte ich sehr häufig.

Insofern braucht es nicht ein „mehr“, sondern ein mehr an Transparenz, Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit aber auch ein „Früher“ in Bezug auf Beteiligung. Aber auch ein zügiges Verfahren mit klaren Ergebnissen. Wie immer diese ausfallen.

… Wo ist das Problem? Warum ist es eigentlich so schwierig, mit Bürgerinnen und Bürgern sachlich und konstruktiv in einen Dialog zu kommen?

Ich denke, das hängt mit der eben skizzierter Enttäuschung zusammen. Somit ist die erste Hürde, alle an einen Tisch zu bekommen, die größte. Hier gibt es viel Ablehnung im Vorfeld. Wenn erst einmal Gespräche in Gang kommen, ist mit guter Moderation häufig auch ein konstruktiver Austausch möglich. Die Fairness und Transparenz über das Verfahren sind also immens wichtig.

Ein weiterer Aspekt ist sicher auch, dass wir uns zunehmend in eigenen „Blasen“ befinden. Dies erschwert ein gutes Zuhören und Hinterfragen anderer Perspektiven. Dies geht häufig einher mit einer sogenannten „Verdachtspsychologie“. Dem Gesprächspartner wird also eine bestimmte, meist nicht gute Absicht unterstellt. Worten allein wird also nicht vertraut.

Was das kostet! Können wir uns den ganzen Aufwand überhaupt leisten, den wir mit Information, Bürgerbeteiligung und Akzeptanzmanagement heute treiben?

Ich denke, gute Beteiligung zahlt sich aus. Zeitlich, aber auch qualitativ. Wir müssen diese Kosten von Anfang an als notwendigen Bestandteil eines guten Projektes einplanen. Die VDI 7001 Richtlinie „Kommunikation und Öffentlichkeitsbeteiligung bei Planung und Bau von Infrastrukturprojekten“ zeigt einen Weg auf und veranschlagt mindestens 1 Prozent des Projektvolumens hierfür.

Und wann ist man erfolgreich? Wann ist – aus Ihrer Sicht – Bürgerbeteiligung tatsächlich gelungen?

Aus meiner Sicht ist Bürgerbeteiligung dann gelungen, wenn die Beteiligten das Verfahren als fair erlebt haben. Fair heißt aus meiner Sicht transparent, auf Augenhöhe, wertschätzend im Umgang und ehrlich in Bezug auf Spielräume und Beteiligungsmöglichkeit. Diese Verfahrensfairness ist aus meiner Sicht genauso wichtig wie das erzielte Ergebnis. Erlebe ich das Verfahren als fair, kann ich auch eine Entscheidung leichter akzeptieren, auch wenn sie nicht meinen Vorstellungen entspricht.

Und dann hätten wir noch ein paar persönliche Fragen:

Unterscheiden Sie zwischen Erfolg und Zufriedenheit?

Die Frage ist, wer Erfolg definiert. Und was die Ausgangslage ist. Eine schwierige Mediation kann auch dann erfolgreich sein, wenn keine Einigung erzielt, aber Klarheit geschaffen wurde. Ist dies gelungen, bin ich auch zufrieden. Bin ich persönlich zum Beispiel in privaten Angelegenheiten zufrieden, ist das doch auch ein toller Erfolg. Andersherum muss das nicht immer der Fall sein.

Was wären Sie gern (beruflich), wenn Sie nicht das wären, was Sie heute sind?

Ich bin wirklich sehr glücklich und sehr zufrieden als Mediator. Es ist Beruf und Berufung zugleich. Ich habe ja in jungen Jahren diesen Weg eingeschlagen, was für die Mediation eher ungewöhnlich ist. Als Studienwunsch statt Gartenbauingenieur auf Platz 2. Kreativ und gleichzeitig lebendig wäre dies sicherlich auch erfüllend.

Welches Hobby hätten sie gern (das Sie heute nicht ausüben)?

Ich bin froh, wenn ich mehr Zeit für meine jetzigen Hobbies hätte. So könnte ich tiefer in die Fotografie und Filmtechnik einsteigen.