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Büro Hitschfeld im Gespräch mit Prof. Dr. Gesine Grande | Foto: Kirsten Nijhof

Büro Hitschfeld im Gespräch mit Prof. Dr. Gesine Grande/HTWK Leipzig

Name: Gesine Grande

Alter: 55

Wohnort: Leipzig

Beruf: Rektorin der HTWK Leipzig

Hobbys: Italienisch lernen, Wandern durch die Alpen, Lesen, Kochen, …

…Jetzt mal ehrlich, diese Diskussion um Bürgerbeteiligung und Akzeptanz – ist das nicht eine dieser Moden, die bald wieder von der nächsten Sau abgelöst wird, die durch unser virtuelles Dorf getrieben wird?

Sicherlich nicht. Je komplexer die gesellschaftlichen Prozesse, die Herausforderungen in der Entwicklung von Städten und Regionen, die Konflikte zwischen verschiedenen Interessengruppen, ich denke gerade an die Zulassung der Elektroroller, desto mehr sind wir darauf angewiesen, dass die unterschiedlichen Interessen und Bedarfe verschiedener Bevölkerungsgruppen erstens geäußert und zweitens berücksichtigt werden. Wo diverse, aber relevante Interessen berücksichtigt werden, entstehen einerseits bessere Lösungen und andererseits mehr Akzeptanz, commitment, positive Bewertungen. Nachhaltigkeit braucht Beteiligung.

… Allzu viel ist ungesund! Überfordern wir die Bevölkerung nicht mit immer mehr und immer neuen Angeboten von Partizipation und Aufrufen zu bürgerschaftlichem Engagement?

Ich glaube, zu viel Beteiligung kann es gar nicht geben. Aber Ihre Frage klingt ein wenig so, als würden wir die Bevölkerung zu etwas zwingen, was uns einleuchtet, aber anderen Menschen (noch) nicht. So wie Eltern ihre Kinder gern am Haushalt beteiligen möchten, aber die wollen nicht beteiligt werden. Okay, das Beispiel ist schräg, aber es zeigt, dass wir vielleicht doch manchmal in Versuchung kommen, Beteiligung nicht als einen gleichberechtigten Austausch zu sehen, wo jeder mitbestimmen kann, worum es eigentlich gehen soll, was wichtig ist, welches die Ziele sind. Das ist dann für beide Seiten eine Entdeckungsreise und niemand kann vorher festlegen, was rauskommen soll.

…Wo ist das Problem? Warum ist es eigentlich so schwierig, mit Bürgerinnen und Bürgern sachlich und konstruktiv in einen Dialog zu kommen?

Ich führe viele konstruktive Gespräche mit vielen Menschen, und würde das nicht gern so generell stehen lassen. Mit welchen Bürgern, mit welchen Nachbarn, Kollegen ist es schwierig, im Dialog zu sein und warum? Kommunikationstheoretisch ist unstrittig, dass die Grundlage für sachliche Lösungen eine angemessen vertrauensvolle Beziehung ist. Wenn es nicht gelingt, diese Basis zu schaffen, dann werden auch einfache „sachliche“ Differenzen zu emotionalen Stellvertreterkriegen. Wir müssen also eigentlich fragen, ob es einen Weg gibt, Vertrauen wiederherzustellen. Und natürlich auch, warum es verloren gegangen ist und welche Rolle man selbst dabei gespielt hat. Aber am Ende braucht es auf beiden Seiten ein Motiv zum Austausch, sonst ist die Mühe vergeblich.

…Was das kostet! Können wir uns den ganzen Aufwand überhaupt leisten, den wir mit Information, Bürgerbeteiligung und Akzeptanzmanagement heute treiben.

Mittel- und langfristig sind die Kosten um ein Vielfaches höher, wenn Projekte und Entwicklungen keine Akzeptanz bei der Bevölkerung oder bei den Betroffenen im weiteren Sinne finden.

…Und wann ist man erfolgreich? Wann ist – aus Ihrer Sicht – Bürgerbeteiligung tatsächlich gelungen?

Wenn Bürger nicht nur gehört worden sind, sondern beteiligt. Wenn die Lösung ein Kompromiss ist, der Ideen integriert, die die Verantwortlichen vorher selbst noch nicht hatten. Wenn das Ergebnis besser ist und besser machbar und die Interessen von möglichst vielen integriert.

…Und dann hätten wir noch ein paar persönliche Fragen:

…Unterscheiden Sie zwischen Erfolg und Zufriedenheit?

Selbstverständlich. Sonst wäre ich nur zufrieden, wenn ich erfolgreich bin. Ich kenne viele andere Zustände von Zufriedenheit, mit einem Augenblick, einer schönen Begegnung, einem sonnigen Frühlingstag, einem wunderbaren Team…

…Was wären Sie gern beruflich, wenn Sie nicht das wären, was Sie heute sind.

Ich bin heute nicht nur mit Leidenschaft Rektorin, ich bin und bleibe ja auch Professorin, Wissenschaftlerin, Forschungsmanagerin, Gutachterin. Im Rückblick hat es sich fast logisch so ergeben.

…Welches Hobby hätten Sie gern(, das Sie heute nicht ausüben).

Ich hätte manchmal gern mehr Zeit für Menschen und Beschäftigungen, die mir viel bedeuten.