Foto mit Günther Bigalke, Thomas Dienberg und Katharina Hitschfeld, die an einem Tisch vor einem Bücherregal sitzen

Leipziger Lunch Club digital: Interview mit Thomas Dienberg

Seit nunmehr 16 Jahren gibt es den Leipziger Lunch Club. Wir laden – gemeinsam mit André Münster – Gäste aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu Vorträgen spannender und inspirierender Persönlichkeiten ein, daran schließt sich in der Regel ein zwangloser Austausch zum Thema des Vortrags an. Nicht selten werden „unsere“ Vortragenden auch Teil der Lunch Club Familie.

Nach 16 Jahren regelmäßigen Treffens fehlt uns allen der unmittelbare Austausch miteinander und die direkte Begegnung. Das kann kein Zoom-Meeting ersetzen.

Und so haben wir die Idee eines ausführlicheren Gesprächs vor laufender Kamera als gut befunden und Thomas Dienberg, Bürgermeister für Stadtentwicklung und Bau in Leipzig, dazu eingeladen. Wir freuen uns sehr, dass er dazu JA gesagt, das Gespräch mit uns geführt und später seinen realen Besuch im Lunch Club zugesagt hat. Die Produktionsgesellschaft Günther//Bigalke, ansonsten für verschiedene Fernsehformate zuständig, hat die Aufnahmen und den Schnitt des Filmmaterials übernommen.

Und hier geht’s zu 30 Minuten Gespräch mit Thomas Dienberg.

Nackte Hände und Füße sind im Kreis angeordnet, der Hintergrund ist eine Rasenfläche

Partizipation: eher Alibi als neue Qualität?

Wichtige Voraussetzungen für erfolgreiche Bürgerbeteiligung sind die Bereitschaft und die Fähigkeit von Projektträgern und Behörden, denen, derentwegen Beteiligung stattfinden soll – also uns, den BürgerInnen – zu erklären, worum es bei der Sache geht.

Das ist elementar. Schließlich geht es oft um komplexe und komplizierte Themen: Kenntnisse über Verfahren, Fristen, Informations- und Beteiligungsmöglichkeiten („Methodenkompetenz“), aber vor allem auch die Relevanz des Projektes und die Notwendigkeit, sich zu beteiligen. Experten wissen das natürlich, aber ganz normale Menschen eben häufig nicht.

Beteiligung ist aber sehr schwierig zu organisieren, wenn denen, die sich beteiligen sollten, nicht wirklich klar ist, worum es geht, was die Implikationen sind, wieso es sie so sehr betrifft, dass sie die Zeit für Beteiligung aufbringen sollten, obwohl sie doch eigentlich keine haben.

Hinzu kommt das bekannte Planungsparadox, das beschreibt, dass das Interesse an einem Projekt zu dem Zeitpunkt, an dem es die größten Möglichkeiten der Einflussnahme auf ebendieses Projekt gibt, am geringsten ist. In der weiteren Fortentwicklung des Projektes steigt das Interesse, die Möglichkeiten, darauf Einfluss zu nehmen, sinken aber.

Leider gibt es nach unserer Erfahrung noch immer keine Didaktik, kein Repertoire an guten Werkzeugen, um genau das gegenüber den BürgerInnen nachvollziehbar und annehmbar zu erklären. Und selbst wenn dieses Thema von den Vorhabenträgern als Problem erkannt und als Herausforderung begriffen wird, gibt es leider fast nie ausreichende Budgets, Ideen und Maßnahmen, um die Betroffenen und die Beteiligungserwünschten auch effektiv zu erreichen.

Und so wird immer weiter mit genau den Personengruppen gearbeitet, die ohnehin bereits engagiert sind. Besonders gerne tut man das über Online-Plattformen und andere Formate, in die man Beteiligung kanalisiert. Das ist einfach. Man kann das programmieren, hat seine Routinen für Workshops. Aber in Wirklichkeit scheitert man damit sehr viel häufiger als dass es gelingt. Die harte Realität: In den meisten Fällen kommt lächerlich wenig Beteiligung zustande.

Dennoch wird kaum je ernsthaft und mit Konsequenz gefragt, woran dies liegt und daran gearbeitet, das zu ändern. Das ist außerordentlich schade und ein wichtiger Grund dafür, dass die Legitimität der Ergebnisse von Beteiligungsverfahren zu Recht in Zweifel gezogen wird und Beteiligungsformate, in denen es eigentlich um Co-Creation gehen sollte, so oft so enttäuschend verlaufen (zumindest für die Bürgerschaft).

Da stellt sich schon die Frage, ob die, die Beteiligung beauftragen und dann inszenieren/organisieren, sie wirklich und in aller Konsequenz wollen. Wir haben da ernste Zweifel.

Gleichwohl meinen wir, dass es keine andere Möglichkeit gibt, als sich diesem Thema ernsthaft zuzuwenden. Demokratie braucht Beteiligung, sie braucht Einmischung und sie braucht einen bunten Chor an Stimmen. Also müssen im Interesse unserer Gesellschaft auch das Bewusstsein, der Wille und die Mittel zur Orchestrierung geschaffen werden.

 

Katharina Hitschfeld, Foto: Victoria Knobloch

Thomas Perry

Foto Andreas Sickert, Abteilungsleiter Stadtforst

Büro Hitschfeld im Gespräch mit Andreas Sickert

Zur Person:

Name: Andreas Sickert
Alter: 62
Wohnort: Leipzig
Beruf: Forstingenieur
Tätigkeit: Abteilungsleiter Stadtforsten der Stadt Leipzig
Hobbys: Ethnologie, Sprachen und Bergsteigen

… Jetzt mal ehrlich, was haben uns alle Mühen, Diskussion und Aktivitäten in puncto Bürgerbeteiligung und Akzeptanz in den vergangenen Monaten und Jahren gebracht? Trotz vieler und breiter Diskussions- Informations- und Beteiligungsformate ist unser Umfeld polarisierter denn je. Wo stehen wir – Ihrer Meinung nach – heute mit diesem Anliegen und wo soll das künftig hingehen?

Uns ist es wichtig, dass die Leute verstehen, was wir tun und warum wir es tun. Das halte ich für ein hohes Gut. In der Zwischenzeit akzeptiert die Bevölkerung vieles von dem, was wir in puncto Bewirtschaftung und Unterhaltung des Stadt- und Auwaldes Leipzig tun. Manchmal geschieht das nur zähneknirschend, aber es geschieht. Eine demokratische Gesellschaft lebt nun einmal von Diskurs und Auseinandersetzung

Allzu viel ist ungesund! Überfordern wir die Bevölkerung nicht mit immer mehr und immer neuen Angeboten von Partizipation und Aufrufen zu bürgerschaftlichem Engagement?

Angebote kann es nicht genug geben. Wir wollen diese facettenreich unterbreiten. Jeder ist ja frei in der Entscheidung, diese Angebote anzunehmen oder eben auch nicht.

… Wo ist das Problem? Warum ist es eigentlich so schwierig, mit Bürgerinnen und Bürgern sachlich und konstruktiv in einen Dialog zu kommen?

Umweltschutz, Klimaveränderung der Umgang mit Flora und Fauna – das geht uns alle an. Unsere wichtigste Aufgabe als Stadtforst, die Bewirtschaftung im Leipziger Auwald, ist damit ein stark emotionales Thema. Deswegen haben dazu natürlich auch alle eine Meinung und das ist gut so. Manchmal steht diese im Widerspruch zu anderen Kampagnen und Aktionen. Wir müssen versuchen, unsere Ansichten, unsere Facheinschätzung und unsere Arbeit zu zeigen und verständlich zu machen.

Was das kostet! Können wir uns den ganzen Aufwand überhaupt leisten, den wir mit Information, Bürgerbeteiligung und Akzeptanzmanagement heute treiben?

Meine Antwort dazu ist knapp – das müssen wir uns einfach leisten.

… Und wann ist man erfolgreich? Wann ist – aus Ihrer Sicht – Bürgerbeteiligung tatsächlich gelungen?

Ich betrachte den Prozess dann als gelungen, wenn Bürger sagen, dass sie sich so ausreichend informiert fühlen, dass sie damit in der Lage sind, sich selbst eine Meinung zu bilden. Bürger müssen die Fakten abwägen können. Wenn sie dann noch unser Handeln akzeptieren – dann beschreibe ich das als erfolgreich.

Und dann hätten wir noch ein paar persönliche Fragen:

… Unterscheiden Sie zwischen Erfolg und Zufriedenheit?

Ja, durchaus. Man muss immer wieder Kompromisse finden. Ein geschlossener Kompromiss bspw. ist ein Erfolg. Aber persönlich und als Fachmann muss dieser Erfolg nicht zwingend Zufriedenheit auslösen. Manchmal kann man aber auch zufrieden sein, ohne dass man erreicht hat, was man wollte.

Was wären Sie gern (beruflich), wenn Sie nicht das wären, was Sie heute sind?

Ethnologe

… Welches Hobby hätten sie gern (das Sie heute nicht ausüben)?

Ich würde mich gerne mehr mit Sprachen beschäftigen. Welche Sprachen sprechen Sie denn? Russisch, Englisch , Spanisch und rudimentär die Sprache der Cree-Indianer.