Wenn aus Hoffnung Hass wird: Tourismus braucht Akzeptanz | Büro Hitschfeld

Wenn aus Hoffnung Hass wird: Tourismus braucht Akzeptanz

Autor: Theresa Heilmann

Wie aus herzlicher Gastfreundschaft schließlich Ablehnung und manchmal gar blanker Hass wird, lässt sich seit Jahren anschaulich an der Touristikbranche verfolgen. Seien es die Menschenmassen, die tagtäglich in den Häfen von Venedig, Dubrovnik und Barcelona ausgekippt werden, die lärmenden Après-Ski-Gäste Ischgls oder die Wohnraumdiebe von Berlin und London, jede Destination hat ihre spezifischen Probleme. Doch eines eint sie: Die Akzeptanz, die die Bewohner dem Tourismus entgegenbringen, sie sinkt – und das stetig.
Dabei hatte es einst so gut angefangen: Der Tourismus brachte Arbeitsplätze, verhalf mancherorts längst vergessene Traditionen wieder zu beleben und versprach Zukunft. Was einst so hoffnungsvoll begann, ruft jedoch heute heftige Bürgerproteste vor: Erst jüngst stellten sich vermummte Aktivisten in Barcelona einem Touristenbus in den Weg, zerstachen die Reifen und sprühten ihre Parolen an die Außenwände. Und Barcelona ist kein Einzelfall. Der Frust der Bürgerinnen und Bürger ist gewaltig. Der Massentourismus fordert seinen Tribut, nicht alle Reaktionen sind angemessen, viele sogar falsch, nachvollziehbar sind jedoch sie allemal.

Versäumnisse beim Akzeptanzmanagement haben ihren Preis

Viele Kommunen und Ferienregionen gestehen sich heute ein, die Akzeptanz der Bevölkerung gegenüber dem Tourismus zu selbstgefällig hingenommen zu haben. Dass Akzeptanz nicht nur errungen, sondern auch gesichert werden muss, haben sie nun schmerzlich gelernt: Viele Ferienregionen haben nicht nur einst in erheblichem Maße vom Tourismus profitiert, sondern tun es noch heute. Ohne den Tourismus gäbe es mancherorts nicht mehr als eine Hauptstraße. An eine funktionierende Infrastruktur oder Kulturinstitutionen – ohne den Tourismus wäre daran nicht zu denken, insbesondere im ländlichen Raum. Doch wie immer hat die Medaille zwei Seiten. Auf der einen Seite die durchaus positive Entwicklung vormals einfacher Regionen in touristische Hochburgen mit all den damit einhergehenden positiven ökonomischen Aspekten. Auf der anderen Seite die Konfrontation von Ortschaften und Gemeinden mit Tourismuszahlen und Übernachtungskapazitäten, die Orte verfremden und diese im Alltag der Einwohner oft kaum noch handhabbar machen.

Das Einbeziehen der Bürgerinnen und Bürger in die langfristige Gestaltung ihrer Lebens- und Arbeitsumwelten ist dabei in den vergangenen Jahren zu kurz gekommen. Hier aber liegt ein Weg, der zwar nicht alle Verwerfungen, die der Tourismus auch mit sich bringen (kann), heilt, aber die Selbst- und Mitbestimmung fördert und fordert. Beteiligungs- und Partizipationsmodelle sollten auch in diesem Bereich dringend Einzug halten.

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3 Antworten
  1. Rainer Aschenbrenner
    Rainer Aschenbrenner says:

    Hm. Thüringen versucht seit Jahren, zumindest statistisch unangreifbar auf 10 Mio. Übernachtungen zu kommen. Hiesige Tourismus-Macher würden es wohl nie öffentlich zugeben: Aber sie hätten eher lieber die Probleme in Ischgl, Venedig oder Barcelona. Mangelnde Akzeptanz wegen Massentourismus bei den „Eingeborenen“ habe ich im Osten Deutschlands nur in der Hauptsaison auf Rügen oder Usedom erlebt. Die Unzufriedenen, die Genervten räumen allerdings bei Nachfrage sofort ein, dass außer Tourismus vor Ort nichts anderes ist, was Umsatz bringt. Und nun? Habe ich nicht verstanden, worum es geht?

    • Katharina Hitschfeld
      Katharina Hitschfeld says:

      Wir plädieren – auch im diesbezüglich noch seeligen – Thüringen die Bürger rechtzeitig mit auf die Reise der Gestaltung ihres Wohn- und Arbeitsumfeldes und der Identität ihres Ortes/Ihrer Stadt zu nehmen.

      • Rainer Aschenbrenner
        Rainer Aschenbrenner says:

        Liebe Katharina; wir sind absolut gleicher Ansicht, dass dieses Land, dieses Gemeinwesen nur gewinnen kann, wenn mehr Menschen ihre Stimme erheben und Teilhabe einfordern, beanspruchen und wahrnehmen, wenn es um unser direktes Lebensumfeld geht.
        Ich bin zunehmend sicher, dass immer noch selbst jene, die wählen, missverstehen, dass dort seine Stimme abzugeben eben NICHT bedeutet, seine Stimme „abgegeben“ zu haben. Wir sind nicht stimmlos. Wir sollten im Gegenteil unser Recht auf Mitbestimmung immer und immer wieder einfordern…

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